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Interviews 03.04.2010, 15:50  
„Die Börsennotierung in Deutschland ist eher ein Handicap“ - Financial Talk mit Hans Dieter Rössler, Vorstandsvorsitzender, curasan AG

Mit einer gut aufgebauten, umfangreichen Pipeline gerüstet will Medizinproduktehersteller curasan seine neue Offensivstrategie umsetzen. Das GoingPublic Magazin sprach mit Hans Dieter Rössler, dem Vorstandsvorsitzenden und Gründer von curasan, über die Hintergründe des Strategiewechsels und die Unterschiede zwischen dem europäischen und amerikanischen Markt.

GoingPublic: Herr Rössler, könnten Sie in eigenen Worten kurz beschreiben, was curasan macht?
Rössler: Curasan ist ein Unternehmen, das in der regenerativen Medizin tätig ist. Der Fokus liegt auf den Bereichen Knochen- und Hautregeneration. Zu unserer Zielgruppe auf ärztlicher Seite gehören demnach Unfallchirurgen, Orthopäden und Wirbelsäulenchirurgen und natürlich der Bereich Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie.

GoingPublic: Sie haben 2008 Ihre Dentalsparte an die Riemser Arzneimittel AG verkauft – was war der Hintergrund?
Rössler: Wir haben das dentale Geschäft veräußert und konzentrieren uns seitdem auf Forschung & Entwicklung sowie Produktion in unseren Kernbereichen. Die in den letzten zehn Jahren aufgebaute umfangreiche Produktpipeline konnte durch die Erlöse intensiviert und in weiten Teilen zur Marktreife gebracht werden.

GoingPublic: Sie haben kürzlich aber eine Änderung Ihrer Strategie bekannt gegeben. Was steckt nun dahinter?
Rössler: In all diesen Jahren hat curasan viel Erfahrung auf der Entwicklungs- und auf der regulatorischen Seite gesammelt. Anfänglich sollte sich das Unternehmen zunächst auf den europäischen Markt konzentrieren. Erst wenn man hier erfolgreich ist, kann man sich mit einem entsprechend modifizierten Ansatz auf den amerikanischen Markt wagen. Aber anstatt abzuwarten, ist curasan jetzt auf beiden Märkten gleichzeitig aktiv, weil die drei Zulassungen in den USA gezeigt haben, dass wir auch diese Schiene beherrschen und ein entsprechendes Netzwerk aufgebaut haben. Das ist der eine Teil des Strategiewechsels. Der andere Teil bezieht sich mehr auf das Finanzielle. Aufgrund finanzieller Engpässe konnte immer nur ein Projekt auf der Entwicklungsseite fertig gestellt werden, bevor man mit dem nächsten beginnen konnte. Mittlerweile hat sich die finanzielle Situation aber soweit geändert, dass wir es uns leisten können, mehrere Projekte parallel anzugehen.

GoingPublic: Curasan möchte innerhalb der nächsten zwei Jahre nicht wie ursprünglich geplant zwei bis vier, sondern bis zu zwölf neue Produkte auf den Markt bringen – wie soll das realisiert werden?
Rössler: Natürlich sind gute Kooperationspartner und die Möglichkeit, verschiedene Technologien zusammenzuführen, die Voraussetzungen, um mehrere Produkte auf den Markt zu bringen. Wir haben uns ein Netzwerk von über 40 Firmen und Instituten aufgebaut – es findet also nicht alles in unserem Haus statt. Gespräche mit potenziellen Lizenzpartnern haben die Entscheidung für eine solche Offensivstrategie beschleunigt, da sie auf eine möglichst frühzeitige Verfügbarkeit der Produkte drängen. Der Hauptmarkt unserer Produkte sind die USA, die 60% des Weltmarkts ausmachen. Der Markt für regeneratives Knochenmaterial wächst seit Jahrzehnten mit einem zweistelligen Prozentsatz, und das dürfte sich – als Folge der Gesamtbevölkerungsentwicklung und der Alterspyramide – auch in den nächsten Jahren so fortsetzen.

GoingPublic: Wie ist die Konkurrenzsituation auf dem amerikanischen Markt? Wie wird ein deutsches Unternehmen wahrgenommen?
Rössler: Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wenn curasan in den USA notiert wäre, hätte das Unternehmen eine Marktkapitalisierung, die vier- bis fünfmal höher wäre als in Deutschland, und natürlich eine andere Finanzierungsstruktur. Man wird als deutsches Unternehmen wahrgenommen, aber die Börsennotierung in Deutschland ist eher ein Handicap. Auf der anderen Seite kann man als Unternehmen unserer Größenordnung keine Doppelnotierung finanzieren.

GoingPublic: Wie viel bleibt curasan vom Kuchen, wenn viele Produkte nunmehr auslizenziert werden sollen?
Rössler: Wir profitieren auf jeden Fall von unseren Forschungsanstrengungen. Wie es in der Pharmawelt üblich ist, sind es ungefähr ein Drittel für den Produzenten und zwei Drittel für den Vertriebspartner, wenn es jemand ist, der eine entsprechend starke Marketingorganisation hat und eigene klinische Forschung betreibt. Dann brauchen sie auch diese Margen. Wenn die Bedarfsweckung nicht beim Vertriebspartner liegt, sondern im eigenen Haus gemacht werden muss, sähe das Verhältnis umgekehrt aus. In den USA gibt eine dreistufige Vermarktungskette: der Hersteller, einer, der die Bedarfsweckung macht und einer, der den Vertrieb bewerkstelligt. Daher ist es sehr schwierig, mit relativ wenigen Produkten an die Außendienstorganisationen heranzukommen, die Kontakt zu den Kliniken haben. Die Global Player haben ein entsprechendes Netzwerk, um ihre Produkte zu positionieren. Momentan laufen Verhandlungen darüber, mit welchem Vertriebspartner wir zusammenarbeiten wollen.

GoingPublic: Nämlich?
Rössler: Eins haben die Verhandlungen schon gezeigt: Es gibt mehrere Interessenten, und unsere Verhandlungsposition wird dadurch gestärkt, dass mehrere Produkte kurz vor der Zulassung stehen. Die Amerikaner bevorzugen es, Verträge nämlich erst nach erfolgter Zulassung zu unterschreiben.

GoingPublic: Sind Zukäufe derzeit ein Thema, immerhin haben Sie auch noch einiges an liquiden Mitteln in der Hinterhand?
Rössler: Mit den finanziellen Mitteln können wir Produkte vorziehen und darüber hinaus eine gewisse Sicherheit behalten. Die weitere Entwicklung muss erst abgewartet werden. Erst dann kann man sich überlegen, was man mit dem Geld anfängt. Für eine Akquisition im eigentlichen Sinne ist es zu wenig – und außerdem gibt es Akquisitionsobjekte in dieser Marktnische nicht wie Sand am Meer.

GoingPublic: Wo kam die gute Cashposition her?
Rössler: Die resultiert aus dem Dentalverkauf an die Riemser Arzneimittel AG. Hierbei wurde der Vertriebsapparat, der zu den teuersten Unternehmensbereichen gehörte, mitverkauft. Von ursprünglich 120 Mitarbeiten sind nur noch 25 im Unternehmen. Und obwohl der Hauptumsatzmarkt veräußert wurde, konnte curasan ein ansehnliches Ergebnis erzielen. Daher sind wir in der komfortablen Situation, die Produktentwicklung beschleunigen zu können.

GoingPublic: Wo steht curasan in fünf Jahren?

Rössler: Sicherlich bei einem Vielfachen der heutigen Marktkapitalisierung, da wir mit großer Sicherheit davon ausgehen können, Umsatz- und Ertragssteigerungen zu erzielen. Das Unternehmen soll in seiner Kostenstruktur ein bisschen größer werden, aber im Vergleich zum Umsatzwachstum deutlich reduziert bleiben. Curasan wird ein nachhaltig sehr profitables Unternehmen werden.

GoingPublic: Herr Rössler, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Das Interview führte Falko Bozicevic.

 

Ursprünglich erschienen in der GoingPublic Ausgabe 4/2010.

 

 

 

 


 

 

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