GoingPublic:
Herr Rössler, könnten Sie in eigenen Worten kurz beschreiben, was curasan
macht?
Rössler: Curasan ist ein
Unternehmen, das in der regenerativen Medizin tätig ist. Der Fokus liegt auf
den Bereichen Knochen- und Hautregeneration. Zu unserer Zielgruppe auf
ärztlicher Seite gehören demnach Unfallchirurgen, Orthopäden und
Wirbelsäulenchirurgen und natürlich der Bereich Mund-, Kiefer- und
Gesichtschirurgie.
GoingPublic: Sie haben 2008 Ihre
Dentalsparte an die Riemser Arzneimittel AG verkauft – was war der Hintergrund?
Rössler: Wir haben das dentale
Geschäft veräußert und konzentrieren uns seitdem auf Forschung &
Entwicklung sowie Produktion in unseren Kernbereichen. Die in den letzten zehn
Jahren aufgebaute umfangreiche Produktpipeline konnte durch die Erlöse
intensiviert und in weiten Teilen zur Marktreife gebracht werden.
GoingPublic: Sie haben kürzlich aber
eine Änderung Ihrer Strategie bekannt gegeben. Was steckt nun dahinter?
Rössler: In all diesen Jahren hat
curasan viel Erfahrung auf der Entwicklungs- und auf der regulatorischen Seite
gesammelt. Anfänglich sollte sich das Unternehmen zunächst auf den europäischen
Markt konzentrieren. Erst wenn man hier erfolgreich ist, kann man sich mit
einem entsprechend modifizierten Ansatz auf den amerikanischen Markt wagen.
Aber anstatt abzuwarten, ist curasan jetzt auf beiden Märkten gleichzeitig
aktiv, weil die drei Zulassungen in den USA gezeigt haben, dass wir auch diese
Schiene beherrschen und ein entsprechendes Netzwerk aufgebaut haben. Das ist
der eine Teil des Strategiewechsels. Der andere Teil bezieht sich mehr auf das
Finanzielle. Aufgrund finanzieller Engpässe konnte immer nur ein Projekt auf
der Entwicklungsseite fertig gestellt werden, bevor man mit dem nächsten
beginnen konnte. Mittlerweile hat sich die finanzielle Situation aber soweit
geändert, dass wir es uns leisten können, mehrere Projekte parallel anzugehen.
GoingPublic: Curasan möchte
innerhalb der nächsten zwei Jahre nicht wie ursprünglich geplant zwei bis vier,
sondern bis zu zwölf neue Produkte auf den Markt bringen – wie soll das
realisiert werden?
Rössler: Natürlich sind gute Kooperationspartner und die Möglichkeit,
verschiedene Technologien zusammenzuführen, die Voraussetzungen, um mehrere
Produkte auf den Markt zu bringen. Wir haben uns ein Netzwerk von über 40
Firmen und Instituten aufgebaut – es findet also nicht alles in unserem Haus
statt. Gespräche mit potenziellen Lizenzpartnern haben die Entscheidung für
eine solche Offensivstrategie beschleunigt, da sie auf eine möglichst frühzeitige
Verfügbarkeit der Produkte drängen. Der Hauptmarkt unserer Produkte sind die
USA, die 60% des Weltmarkts ausmachen. Der Markt für regeneratives
Knochenmaterial wächst seit Jahrzehnten mit einem zweistelligen Prozentsatz,
und das dürfte sich – als Folge der Gesamtbevölkerungsentwicklung und der
Alterspyramide – auch in den nächsten Jahren so fortsetzen.
GoingPublic: Wie ist die Konkurrenzsituation auf dem amerikanischen
Markt? Wie wird ein deutsches Unternehmen wahrgenommen?
Rössler: Lassen Sie es mich so ausdrücken:
Wenn curasan in den USA notiert wäre, hätte das Unternehmen eine
Marktkapitalisierung, die vier- bis fünfmal höher wäre als in Deutschland, und
natürlich eine andere Finanzierungsstruktur. Man wird als deutsches Unternehmen
wahrgenommen, aber die Börsennotierung in Deutschland ist eher ein Handicap.
Auf der anderen Seite kann man als Unternehmen unserer Größenordnung keine
Doppelnotierung finanzieren.
GoingPublic: Wie viel bleibt curasan vom Kuchen, wenn viele Produkte
nunmehr auslizenziert werden sollen?
Rössler: Wir profitieren auf jeden Fall von unseren
Forschungsanstrengungen. Wie es in der Pharmawelt üblich ist, sind es ungefähr
ein Drittel für den Produzenten und zwei Drittel für den Vertriebspartner, wenn
es jemand ist, der eine entsprechend starke Marketingorganisation hat und
eigene klinische Forschung betreibt. Dann brauchen sie auch diese Margen. Wenn
die Bedarfsweckung nicht beim Vertriebspartner liegt, sondern im eigenen Haus
gemacht werden muss, sähe das Verhältnis umgekehrt aus. In den USA gibt eine
dreistufige Vermarktungskette: der Hersteller, einer, der die Bedarfsweckung
macht und einer, der den Vertrieb bewerkstelligt. Daher ist es sehr schwierig,
mit relativ wenigen Produkten an die Außendienstorganisationen heranzukommen,
die Kontakt zu den Kliniken haben. Die Global Player haben ein entsprechendes
Netzwerk, um ihre Produkte zu positionieren. Momentan laufen Verhandlungen
darüber, mit welchem Vertriebspartner wir zusammenarbeiten wollen.
GoingPublic: Nämlich?
Rössler: Eins haben die Verhandlungen schon gezeigt: Es gibt mehrere
Interessenten, und unsere Verhandlungsposition wird dadurch gestärkt, dass
mehrere Produkte kurz vor der Zulassung stehen. Die Amerikaner bevorzugen es,
Verträge nämlich erst nach erfolgter Zulassung zu unterschreiben.
GoingPublic: Sind Zukäufe derzeit ein Thema, immerhin haben Sie auch
noch einiges an liquiden Mitteln in der Hinterhand?
Rössler: Mit den finanziellen Mitteln können wir Produkte vorziehen und
darüber hinaus eine gewisse Sicherheit behalten. Die weitere Entwicklung muss
erst abgewartet werden. Erst dann kann man sich überlegen, was man mit dem Geld
anfängt. Für eine Akquisition im eigentlichen Sinne ist es zu wenig – und
außerdem gibt es Akquisitionsobjekte in dieser Marktnische nicht wie Sand am
Meer.
GoingPublic: Wo kam die gute Cashposition her?
Rössler: Die resultiert aus dem Dentalverkauf an die Riemser
Arzneimittel AG. Hierbei wurde der Vertriebsapparat, der zu den teuersten
Unternehmensbereichen gehörte, mitverkauft. Von ursprünglich 120 Mitarbeiten
sind nur noch 25 im Unternehmen. Und obwohl der Hauptumsatzmarkt veräußert
wurde, konnte curasan ein ansehnliches Ergebnis erzielen. Daher sind wir in der
komfortablen Situation, die Produktentwicklung beschleunigen zu können.
GoingPublic: Wo steht curasan in fünf Jahren?
Rössler:
Sicherlich bei einem Vielfachen der heutigen Marktkapitalisierung, da wir mit
großer Sicherheit davon ausgehen können, Umsatz- und Ertragssteigerungen zu
erzielen. Das Unternehmen soll in seiner Kostenstruktur ein bisschen größer
werden, aber im Vergleich zum Umsatzwachstum deutlich reduziert bleiben.
Curasan wird ein nachhaltig sehr profitables Unternehmen werden.
GoingPublic: Herr Rössler, vielen
Dank für das interessante Gespräch.
Das Interview führte Falko Bozicevic.
Ursprünglich erschienen in der GoingPublic Ausgabe 4/2010.